Hall Art Foundation
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Christine Ay Tjoe
27. Mai – 20. November 2022

Die Hall Art Foundation richtet auf Schloss Derneburg die erste Einzelausstellung der gefeierten indonesischen Künstlerin Christine Ay Tjoe in Deutschland aus. In diesem Überblick über ihre jüngsten Arbeiten werden auch eine Reihe neuer, noch nie ausgestellter Werke, aber auch eine Auswahl ihrer Gemälde der letzten sieben Jahre gezeigt. Ay Tjoes Praxis basiert auf einer Exploration der Linie und der Grundlagen der Zeichenkunst. Dabei arbeitet sie zunächst mit Ölstiften und verreibt die Farbe dann auf der Leinwand, um so vielschichtige, gestisch zarte Kompositionen zu schaffen, in denen organische und abstrakte Formen miteinander verschmelzen.   

 

2020 begann Ay Tjoe eine Werkreihe, die vom metabolischen Phänomen der Kryptobiose inspiriert ist. Dies ist ein Zustand extrem verlangsamten Stoffwechsels, in den Mikroorganismen verfallen, wenn sie lebensfeindlichen Umweltbedingungen ausgesetzt sind. Dabei stellen sie jegliche messbare Stoffwechseltätigkeit ein. Ay Tjoe vergleicht unsere Erfahrungen während der Corona-Pandemie mit der Kryptobiose und interpretiert die erzwungene Phase verringerter Aktivität während des Lockdowns als eine Chance zur Selbstreflektion, Reorganisation und Regeneration von innen heraus. „Es geht um diese besondere, seltene und wunderschöne Gabe, die Lebewesen haben“, sagt sie selbst. „Kryptobiose ist ein Zustand, in dem praktisch alle Bewegung aufhört, alles Streben auf ein bestimmtes Ziel hin. Stattdessen bietet sie die Chance auf ein längeres Leben und größere Hoffnung.“ In Werken wie Blue Cryptobiosis #03 (2021) wird ein eiförmiges Motiv in mehreren Schichten aus Blau und Weiß dargestellt, eingehüllt von einem Gewirr aus Ranken vor weißem Hintergrund.

 

In ihrer neuesten Werkgruppe mit dem Titel Hyaluronic Pledge stellt Ay Tjoe einen imaginären Orgasmus dar und nimmt dort noch einmal Bezug auf die Kryptobiose als eine Möglichkeit zu explorieren, wie Menschen selbst unter härtesten Bedingungen weiterleben und sich sogar entwickeln können. Als Beispiel dient ihr dafür das Bärtierchen, ein mikroskopisch kleines Tier, das stets von einer dünnen Wasserschicht umhüllt sein muss, um nicht auszutrocknen. In einer trockenen Umgebung verfällt das Bärtierchen in die Kryptobiose. Dazu presst es zunächst alles Wasser aus seinem Körper und verfällt in eine Art Schlafzustand, bis es wieder befeuchtet wird und zu neuem Leben erwacht. Der Titel der Serie Hyaluronic Pledge ist von Hyaluronsäure abgeleitet, einer Substanz, die Feuchtigkeit aus der Luft zieht und das Tausendfache ihres eigenen Gewichts an Wasser aufnehmen kann. Ay Tjoe zieht darin Parallelen zwischen der Rolle der Hyaluronsäure bei der Erhaltung von Leben und den Stärken und Bewältigungsstrategien, die in uns erwachen und es uns ermöglichen, auch unter widrigen Umständen zu leben und zu wachsen. Bei der Beschreibung ihrer neuesten Gemälde spricht Ay Tjoe auch von Häutung und Mauser, einer Art der Transformation, die sie als Übergang vom Tod hin zum Leben betrachtet und die es Tieren ermöglicht, sich selbst zu heilen und eine neue Version ihrer selbst zum Vorschein zu bringen. In kräftigen Rot-, Braun-, Schwarz und Weißtönen scheinen Ay Tjoes detailreiche, sehnige Objekte von der Mitte der Leinwand her auf ihre Ränder zuzuwachsen. 

 

Ay Tjoes neueste Gemälde werden ergänzt durch Werke anderer kürzlich entstandener Serien. Pleasant Breath of The Black (2018) stammt aus seiner Werkgruppe, in der sich Ay Tjoe mit der Dualität des menschlichen Lebens und unserem Potenzial für Gutes und Böses, für Licht und Schatten, auseinandersetzt und mit der Art und Weise, wie diese Extreme in uns koexistieren und koalieren. Basierend auf ausführlichen Zeichenstudien der Pflanzen und Blumen in der Nähe ihres Ateliers in Bandung entstand das Diptychon Pleasant Breath of The Black. Eine Hälfte zeigt eine dichte Wolke aus schwarzen Strichen, Linien und Flecken, die andere eine luftig lockere gestische Abstraktion.

 

Christine Ay Tjoe wurde 1973 in Bandung in West Java, Indonesien, geboren. Dort lebt und arbeitet sie noch heute. Von 1992 bis 1997 studierte sie Grafik und Drucktechnik an der besten Kunstschule des Landes am Bandung Institute of Technology. Durch eine Partnerschaft mit einer deutschen Universität kam Ay Tjoe in Kontakt mit deutschen Grafikern wie Horst Janssen, aber auch indonesischen Künstlern, die sich in ihrer Arbeit mit sozialen Themen auseinandersetzen. In ihrem Studium lernte sie Zeichentechniken, besonders die Linie, kennen und schätzen, die bis heute eine zentrale Stellung in ihrem Werk einnehmen. Ay Tjoes Bilder wurden bereits in einer Reihe von Einzelausstellungen in ganz Asien gezeigt. Darunter auch eine große Retrospektive am 21st Century Museum of Contemporary Art, Kanazawa (2018). Mit ihren Werken war sie auch bei großen internationalen Ausstellungen vertreten, wie etwa der Asia Society Triennial in New York (2020) und auch an der Royal Academy of Arts, London (2017), am National Taiwan Museum of Fine Arts in Taichung (2012), Singapore Art Museum (2012), Fondazione Claudio Buziol, Venedig (2011), Saatchi Gallery, London (2011), Shanghai Contemporary (2010), National Gallery, Jakarta (2009), Johnson Museum of Art, Cornell University, Ithaca, New York (2005) sowie der 1. Beijing International Art Biennale im China National Museum of Fine Art (2003).

 

Detaillierte Informationen und Bildmaterial stellt das Verwaltungsbüro der Hall Art Foundation unter info@hallartfoundation.org zur Verfügung.

 

 

 

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Christine Ay Tjoe

Hyaluronic Pledge #02, 2021-2022

Oil on canvas

78 3/4 x 90 9/16 in. (200 x 230 cm)

Courtesy of the Artist and White Cube

© the artist. Photo © White Cube (Theo Christelis)

 

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Christine Ay Tjoe

Blue Cryptobiosis #03, 2021

Oil on canvas

90 1/2 x 78 3/4 in. (230 x 200 cm)

Hall Collection

Courtesy Hall Art Foundation

© the artist. Photo © White Cube (Kitmin Lee)

 

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Christine Ay Tjoe

Pleasant Breath of The Black, 2018

Oil on canvas

Diptych, each 78 ¾ x 70 7/8 in. (200 x 180 cm)

Overall: 78 3/4 x 141 3/4 in. (200 x 360 cm)

Courtesy of the Artist and White Cube

© the artist. Photo © White Cube (Theo Christelis)

 

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Christine Ay Tjoe

Correction About the Meat #01, 2018

Oil on canvas

67 x 59 in. (170 x 150 cm)

Hall Collection

Courtesy Hall Art Foundation

© the artist. Photo © White Cube (Ollie Hammick)

 

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Christine Ay Tjoe in her studio, 2021

© Wowo Wahono

Courtesy White Cube

 

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Christine Ay Tjoe in her studio, 2021

© Wowo Wahono

Courtesy White Cube